Vom Nordland in die Wüste

Thor Steinar bleibt Marktführer – internen Querelen und antifaschistischen Kampagnen zum Trotz.

Die Firma MEDIATEX GMBH und ihre Bekleidungsmarke THOR STEINAR bleiben ein Dauerthema antifaschistischer Kampagnenarbeit. Ladengeschäfte mit Thor-Steinar-Sortiment lassen sich an zentralen Orten der Innenstädte nieder, über 70 Marken hat Mediatex mittlerweile beim Deutschen Patent- und Markenamt eintragen lassen, neu auf dem Markt ist Thor-Steinar-Kindermode. Dass der Führungskreis der Mediatex GmbH in mehrere Unternehmen zerfallen ist, die sich gegenseitig Konkurrenz machen, beeinträchtigt das Geschäft bisher offenbar wenig.

Anfang Juli präsentierte UWE MEUSEL, Geschäftsführer von Mediatex, der Presse seine neues Zuhause: eine zweistöckige Prunkvilla am Königs Wusterhauser Krimnicksee. Öffentliche Befürchtungen, das 650 m2 große Haus könne in der Zukunft als Nazitreffpunkt dienen, versucht Meusel zu zerstreuen: Mit der NPD habe er nichts zu tun, er sei Geschäftsmann und wolle hier „friedlich und anständig“ leben. Außerdem sei er Arbeitgeber für 40 Menschen, habe im vergangenen Jahr 65.000 Euro Gewerbesteuer ans Finanzamt überwiesen und sollten ihm nun weiter Steine in den Weg gelegt werden, dann könne er auch den Standort wechseln. Uwe Meusel demonstriert Selbstbewusstsein, kein Wunder, denn er ist ein gemachter Mann. Auch wenn die Höhe der gezahlten Gewerbesteuer keinen genauen Rückschluss auf den Gesamt-Jahresumsatz der Mediatex GmbH zulässt, so ist dennoch klar, dass dieser um einiges höher liegt als die zwei Millionen Euro Jahresumsatz, die Mediatex bisher öffentlich eingeräumt hatte.

ERIK & SONS: Frischer Wind oder laues Lüftchen?

UWE MEUSEL ist der einzig Übriggebliebene aus dem langjährigen Führungskreis der Mediatex GmbH. Anfang 2007, so besagen es Szene-Informationen, war es dort zum Streit gekommen und die Konsequenzen wurden im Sommer 2007 sichtbar: Mediatex-Gründer AXEL KOPELKE zog in die Schweiz, die Geschäftsaktivitäten seiner COMDESIGN TEXTILE AG im Kanton Zürich sind nach wie vor undurchsichtig. Im Herbst schied Kopelke als Geschäftsführer der Mediatex GmbH aus, ließ jedoch zuvor die Markenrechte an Namen und Logo von THOR STEINAR in über 30 neuen Warenklassen auf seinen Namen eintragen. Dass statt der Mediatex GmbH nun Kopelke persönlich als Markeninhaber in Erscheinung tritt, ist deutliches Zeichen dafür, dass er die Kontrolle über „seine“ Marke behalten und nach seinem Ausscheiden aus der Firma weiter mitkassieren will.
Auch UDO SIEGMUND, der Teile des Thor Steinar-Vertriebs organisierte und die Internetseite des Unternehmens betreute, hat sich selbstständig gemacht. Über seine Firma TEX.SELL in Wildau bei Königs Wusterhausen werden die eingetragenen Marken ERIK AND SONS, ERIK & SONS und ERIK& SONS VIKING BRAND gemanagt. Auffallend ist, dass das Geschäftsmodell von Thor Steinar bis ins Detail kopiert wurde: Relativ hochwertige Ware mit nordischem Flair und entsprechender Symbolik, die keine eindeutige Bezüge zu extrem rechten Ideologien aufweist und doch überaus kompatibel nach Rechtsaußen ist. Für seine großangelegte Marketingkampagne im Sommer 2007 konnte er offensichtlich auf KundInnenlisten der Mediatex GmbH zurückgreifen. Und es war wohl kaum Zufall, dass zum Zeitpunkt, als die neuen Marken an den Start gingen, Erik & Sons in extrem rechten Internet-Foren als szeneauthentische Alternative zu Thor Steinar angepriesen wurde und den Machern von Thor Steinar vorgeworfen wurde, sich der Szene entfremdet zu haben, Produkte mit nachlassender Qualität zu liefern, die zudem in China und in der Türkei hergestellt würden. Einige Versände und Ladengeschäfte der Szene protegierten nun Erik & Sons, doch der versprochene „frische Wind aus dem Norden“ ist bislang ein laues Lüftchen. Die Marke Erik & Sons schlug nicht ein und im Aufbau der Infrastruktur gab es herbe Rückschläge. Das Ladengeschäft Landskamp im Berliner Bezirk Treptow, das ausschließlich Produkte von Erik & Sons anbot musste um die Jahreswende 2007/2008, nur wenige Wochen nach der Eröffnung, schließen und es stellte sich heraus, dass nicht einmal eine ordentliche Gewerbeanmeldung vorlag. Auch der Plan, Erik & Sons über eine Firma namens DANNELAND GMBH mit einem unverdächtigen Geschäftsführer zu vertreiben, schlug fehl. Der Geschäftsführer, Inhaber eines Military- und Outdoorshops im rheinland-pfälzischen Völkenroth, geriet durch eine antifaschistische Kampagne massiv unter Druck, zog sich aus der Danneland GmbH zurück und behauptet heute, von Udo Siegmund getäuscht worden zu sein. Als Zeichen guten Willens nahm er neben Erik & Sons auch die Marken Thor Steinar und PIT BULL (!) aus dem Angebot seines Outdoor-Ladens.

Amtsgericht Magdeburg bestätigt: Nazikleidung stinkt!

Leipzig, Berlin, Frankfurt/Oder, Magdeburg: Die Städte stehen beispielhaft für die Strategie der Mediatex GmbH, sich mit Ladengeschäften in bester City-Lage zu exponieren. Der Protest ist dabei einkalkuliert, die Kriegskasse für die unausweichlichen Prozesse ist offensichtlich gut gefüllt. Meusel will sich nicht in Seitenstraßen und Vororten verstecken, sondern seine Marken genau dort präsentieren, wo sie de facto schon angekommen sind: in der Mitte der Gesellschaft. Das Prozedere ist fast immer das gleiche. Antifaschistische Kampagnen setzen die Stadtverwaltungen und die Vermieter unter Druck, dann folgt die Kündigung der Räume und dieser folgen Prozesse, in denen Meusel die Rechtswidrigkeit und Unwirksamkeit der Kündigung durchklagen will – und auf sechsstelligen Schadensersatz spekuliert. Das Amtsgericht in Magdeburg fällte in diesem Zusammenhang im Februar 2008 ein bemerkenswertes Urteil. Es gab der Räumungsklage des Vermieters des Thor-Steinar-Ladens NARVIK im Magdeburger Hundertwasser-Haus statt und gestattete der Inhaberin einer benachbarten Boutique Mietminderung aufgrund „geistiger Emissionsbeeinträchtigungen“ hervorgerufen durch Narvik. Die antifaschistische Parole „Nazikleidung stinkt!“ erhält somit gerichtliche Bestätigung.
Ein zweiter Prozessschauplatz eröffnet sich um die Bundesligastadien. Nachdem mehrere Bundesligisten, darunter auch Hertha BSC Berlin, per Stadionordnung das Tragen von Thor-Steinar-Kleidung untersagten, klagen Träger entsprechender Kleidung dagegen. Die Häufung der Klagen in Berlin lässt auf ein koordiniertes Vorgehen und auf eine juristische und finanzielle Unterstützung der Kläger schließen.
Seit Monaten läuft zudem ein Prozess des Staates Norwegen gegen die Mediatex GmbH wegen Verstoßes gegen das Markenschutzgesetz. Die norwegische Flagge als staatliches Hoheitszeichen, so argumentiert der Prozessgesandte Norwegens, werde in der Thor Steinar-Symbolik widerrechtlich verwendet. Nachdem sich das Amtsgericht Potsdam im April 2008 für „örtlich nicht zuständig“ erklärte, wurde das Verfahren nach Bonn abgegeben. Eine Entscheidung steht noch aus.

Eine der neuen Geschäftsideen: Deutsche Kolonialgeschichte

Fast druckfrisch liegt eine Broschüre vor, zu der auch das apabiz Informationen beigesteuert hat: „Investigate Thor Steinar“, herausgegeben von einer gleichnamigen Recherchegruppe. Auf über 30 Seiten informieren die Autorinnen und Autoren über das Sortiment, die Hintergründe der einzelnen Marken, die Firma, den Widerstand dagegen. Breiten Raum in der Broschüre nehmen die Erklärungen über die manchmal so unscheinbar wirkenden Sprüche und Motive der Thor-Steinar-Kollektion ein. Das Spiel mit den Anspielungen, die trotz aller Eindeutigkeit eben doch nicht eindeutig sind, zieht seine Spur mittlerweile vom Nordland in die Wüste. Wer weiß schon, dass der Spruch „Heia Safari“ auf das Liedgut deutscher Kolonialtruppen in Afrika zurückgeht? Und dass der Ausspruch „Ein Platz an der Sonne“ im Verbund mit einer Palme und dem Schriftzug „Thor Steinar Expedition“ seinen offensichtlichen geschichtlichen Bezug in einer Reichstagsrede von 1897 hat, in der der deutsche Reichskanzler Bernhard von Bülow die deutschen Kolonialansprüche in Afrika mit dem bekannt gewordenen Zitat: „aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne“ untermauerte? Es scheint, als habe Mediatex einen Beauftragten, der alle erdenklichen Werke der nordischen Mythologie und nun auch die der deutschen Kolonialgeschichte nach Namen und Symbolen für neue Marken durchackert. Der Volksstamm der Vandalen, die im 5. Jahrhundert in Karthago einfielen und über Jahre Teile Nordafrikas beherrschten, ist zu einem weiteren Selbstbedienungsladen geworden: VANDALEN, WANDALIA sind ebenso neue Marken der Mediatex GmbH wie der Name des Vandalen-Königs GEISERICH.

Fazit

Auch wenn es so scheinen mag: Ein Kampf gegen Windmühlen ist das antifaschistische Engagement gegen Thor Steinar nicht. Wenngleich sich die Mediatex GmbH als hartnäckig und finanzkräftig erweist und es die Marke trotz aller Gegenkampagnen in den mainstream geschafft hat, so ist Thor Steinar dennoch nicht zur „ganz normalen“ Trendmarke geworden. Gerade die umfangreiche Aufklärung durch die Broschüre, Internetseiten, Flugblattaktionen, Protestkundgebungen oder beispielsweise durch die Informationscontainer, die die Anwohnerinitiative MITTE GEGEN RECHTS vor dem Thor-Steinar-Laden TONSBERG am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin-Mitte aufgestellt hat, sorgt dafür, dass sich auch heute noch kaum ein Träger oder eine Trägerin damit herausreden kann, nicht zu wissen, welchen politischen Hintergrund die Marke hat. Wenngleich die Träger und Trägerinnen nicht pauschal als Neonazis gesehen werden dürfen, so ist Thor Steinar doch das Symbol für einen „rechten Chic“ und somit eine Positions- und Identitätsbestimmung seiner TrägerInnen. Dass Thor Steinar in vielen „ganz normalen“ Cliquen und Familien zu finden ist, dass in Freitagnachmittag-Zügen gleich hordenweise Thor-Steinar-tragende Bundeswehrsoldaten anzutreffen sind oder dass sich auch Polizeibeamte in und außerhalb des Dienstes in Thor Steinar kleiden, ist weniger Ausdruck einer Entkontextualisierung der Marke, sondern vielmehr dafür, wie weit heute im ganz normalen Alltag und in den Institutionen mit rechtem Chic kokettiert wird bzw. werden kann.

Trotz aller antifaschistischen Kampagnen und internen Kabbeleien bleibt Thor Steinar die unumstrittene Nummer eins unter den Markenartikel-Herstellern im rechten Spektrum. Welchen Weg das Unternehmen in der Zukunft geht, ist nicht ausgemacht. Das historische Vorbild der Vandalen ist indes für die Mediatex GmbH kein gutes Vorzeichen. Nachdem diese Teile Nordafrikas erobert hatten, wurden sie dekadent, zerfleischten sich untereinander in Machtkämpfen und gingen schließlich sang- und klanglos unter. Bleibendes haben sie nicht hinterlassen.

Michael Weiss im „monitor“ nr.36, August 2008
(siehe: http://www.apabiz.de/publikation/monitor/index.htm)


2 Antworten auf „Vom Nordland in die Wüste“


  1. 1 { • thor • stop • steinar • } Trackback am 09. Oktober 2008 um 19:56 Uhr
  2. 2 Fußball, Nazis und der BFC! « Analyse, Kritik & Aktion Pingback am 02. Dezember 2008 um 19:46 Uhr
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