Archiv für Mai 2008

»Die kritische Auseinandersetzung mit einer umstrittenen Marke«

Quelle: DERRECHTERAND, Nummer 110, Jan. -Febr. 2008, S. 19.

In manchen Fußballstadien, wie bei Werder Bremen, dürfen Bekleidungsstücke der Marke »Thor Steinar« nicht mehr getragen werden. Und mancherorts werden Mietverträge von Geschäften, die die Marke verkaufen, gekündigt ? wie mit dem Laden »Tonsberg« in Berlin geschehen. Doch »Thor Steinar« bleibt und wird weiterhin getragen. Mit dem, was die Marke inhaltlich transportiert, beschäftigte sich in den vergangenen Monaten eine Recherchegruppe und veröffentlichte jüngst die Broschüre »Investigate Thor Steinar ? Die kritische Auseinandersetzung mit einer umstrittenen Marke«. Vor dem Hintergrund der anhaltenden Popularität der Marke sprach Marie Kwiatek für DERRECHTERAND mit Pascal Todt, einem Mitwirkenden des Projekts.

DRR: Mit welcher Motivation habt ihr die Broschüre verfasst?

Pascal: Aufhänger für uns war das mehrdeutige Auftreten und Wirken der Marke »Thor Steinar«, die sich unseres Erachtens in einer rechtlichen wie auch moralischen Grauzone bewegt. Sie spricht neben einem breiten Spektrum an rechtsgesinnten Menschen auch Nicht-Szenenangehörige an. Wir konnten an nahezu allen Stellen in der Gesellschaft, die dieses Thema eigentlich etwas angeht, große Informationslücken feststellen. Das wollen wir mit dieser Broschüre ändern und fundierte Informationen geben, die der Mehrdeutigkeit von »Thor Steinar« gerecht werden ? und wir wollen zu einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Thema anregen.

DRR: Was meinst du mit Mehrdeutigkeit?

Pascal: Doppel- oder Mehrdeutigkeit ist ein zentrales Merkmal von »Thor Steinar«. Zunächst kann jeder die Klamotten tragen, ohne wirklich in der Öffentlichkeit als Rechter wahrgenommen zu werden ? »Thor Steinar« bedient eine Breite von Modetrends. Auf diese Weise bewegen sich Neonazis selbstbewusst auf der Straße. Dass die Firma gerade diese Käuferschicht anspricht, stört sie nicht. Der ehemalige Anwalt der Firma, Markus Roscher, sagte im Interview mit der Zeitung »Märkische Allgemeine« 2004, dass »wenn Leute, die mit der Verfassung Probleme haben, die Sachen tragen, […] das nicht das Problem der Firma« sei. Dass aber gerade diese Käuferschicht angezogen wird, liegt doch vor allem in den Motiven der Marke. Auf den T-Shirts steht z. B. »Heia Safari« und es sind Palmen zu sehen. Es sieht vielleicht auf den ersten Blick ungefährlich und bedeutungslos aus. Dass aber »Heia Safari« ein Kampflied der deutschen Afrika- Kämpfer im zweiten Weltkrieg war, wissen nicht viele. Und das macht diese Mehrdeutigkeit bei »Thor Steinar« aus. Ähnlich ist es beim neuen Logo: Im medial propagierten »Andreaskreuz« kann mehr gesehen werden. In manchen rechts-esoterischen Kreisen wird es auch als stellvertretendes Hakenkreuz angesehen.

DRR: Wen wollt ihr damit erreichen?

Pascal: Wir wollen vor allem Menschen ansprechen, die sich für das Thema Rechtsextremismus interessieren oder unserer Meinung nach interessieren sollten. Dazu zählen linke Jugendgruppen in der Provinz, anerkannte Initiativen, Organisationen oder Menschen im pädagogischen und sozialen Bereich, aber eben auch Eltern. Das seriöse Format und die sachliche Präsentation sollten dazu beitragen, die verschiedenen Zielgruppen anzusprechen.

DRR: Welche Erfahrungen habt ihr bei der Recherche gemacht?

Pascal: Oft waren wir erst einmal darüber erschrocken, welche Deutungsmöglichkeiten hinter den Motiven der Marke stehen, wenn nur ein wenig nachgeforscht wird. »Nordmark« schien uns am Anfang beispielsweise als ein harmloser Begriff. Wir mussten dann aber feststellen, dass es von ihm eine deutliche Brücke zu einem ehemaligen Arbeitserziehungslager in der NS-Zeit gibt. Teilweise wurden wir von der Fülle an Detailinformationen förmlich erschlagen, da mussten wir uns auf das Wesentliche konzentrieren. Wir haben viel über Einzelheiten zu bestimmten Motiven herausgefunden. Manchmal mussten wir auch Dinge wieder rausnehmen, weil es so viele waren. Auf der anderen Seite gibt es aber auch Motive ohne jeglichen Sinn und Zusammenhang. Diese Tendenz ist besonders bei den neueren Kollektionen zu beobachten. Während ältere Motive wie »Ultima Thule«, »No Inquisition« oder der provokante Schriftzug »Ski Heil« schneller gedeutet werden, wird es bei Schriftzügen wie »Alaska Expedition« etwas schwieriger. Streifenpullis mit eingesticktem Anker und kleinem Logo könnten mit einem flüchtigen Blick auch aus einer Kollektion von H&M stammen. Letztlich kann »Thor Steinar« exemplarisch für den Wandel der Symbole und Codes der rechtsextremen Szene betrachtet werden, die sich seit einigen Jahren ja auch stark verändert.

DRR: Die Broschüre ist fertig, folgt jetzt noch was?

Pascal: Für uns war die Aufklärung mit dem Heft der erste Schritt. Aber wir sind kein Theorie-Zirkel, sondern wir wollen auch praktisch mit der Broschüre und dem gewonnenen Wissen arbeiten. Derzeit planen wir eine Form von Einlegeblättern für die Broschüren. Diese könnten dann zusammen verteilt werden und neben allgemeinen vielleicht auch lokalpolitsche Informationen vermitteln ? in welchen Läden beispielsweise in der Region »Thor Steinar« verkauft wird. Diese könnten dann von lokalen Antifa-Gruppen oder Bündnissen gegen Rechts gestaltet werden und böten die Möglichkeit, sich mit der Marke und jenen Geschäften, die sie verkaufen, auseinander zu setzen. Die Broschüre war für uns »nur« der erste Schritt…

Die Broschüre kann bestellt werden bei investigate-ts@emdash.org.

Pressemitteilung

Aufklärung über Thor Steinar

Die Gruppe „Investigate Thor Steinar“ veröffentlicht neue Informationsbroschüre zur Modemarke „Thor Steinar“

„Begrenzte Ressourcen und Informationslücken bei Materialien und Presseartikeln vergangener lokaler Projekten bezüglich „Thor Steinar“ ließen uns aufmerksam werden.“, so Pascal Todt für die Gruppe „Investigate Thor Steinar“. „Eine ausführliche Auseinandersetzung mit dieser Modemarke schien uns notwendig. Das Ergebnis ist…

Weiterlesen…